Polonium, Politik und $100 Öl - 6 August 2007
Wenn Sie fürchten, dass nur noch eine Schlagzeile fehlt, bevor Öl auf $100 steigt, dann hüten Sie sich vor den russischen Energiereserven...
EIN RISIKOPLANUNGSBÜRO in Canary Wharf, das glänzende Finanzzentrum in London, sendete uns (BullionVault) eine E-Mail und fragte:
„Wir würden uns freuen, wenn es geht, Ihre Meinung über die vor kurzem angeheizte Beziehung zwischen Grossbritannien und Russland zu erfahren.“
„Ist es wahrscheinlich, dass dies russische Firmen davon abhalten könnte, ihr Eigenkapital in London zu notieren? Wird sich die City plötzlich wehren und eine strengere Regulierung verlangen? Oder wird das Geschäft wie immer weiter laufen?"
Regelmässige Leser unserer GoldNews-Seite werden in der Zwischenzeit wissen, dass wir keine Antworten haben. Sie könnten sich auch wundern, warum zu Teufel man uns fragt. Aber sie wissen dann auch, dass wir trotz dem versuchen werden, dieser Frage mit einer Antwort entgegenzukommen.
Wir können auch nicht anfangen zu raten, wie sich die Londoner Börse oder die Finanzdienstleistungsbehörde fühlen würden, wenn sie sich auf der Bühne der letzten Komödie der Irrungen der britischen Regierung befinden sollten. Wenn man versuchen sollte, den russischen Spion zu finden, der angeklagt wurde, Alexander Litwinenko in einer Sushi-Bar im Londoner West End vergiftet zu haben, bräuchte man sicherlich einen Auslieferungsvertrag – aber doch keine neue Regeln für die Börse. So schrieb übrigens John Kampfner in der britischen Tageszeitung The Guardian:
„Sollten Grossbritannien und Russland einen Auslieferungsvertrag haben, was wäre dann mit Boris Berezovsky, ein früherer Grosser des Kremls, der Dissident wurde und den Putin als seinen Hauptfeind ansieht? Berezovsky und andere Oligarchen leben heutzutage dank der absurd grosszügigen Steuergesetze hier in London im Überfluss.“
Aber trotzt dem können wir uns nur noch wundern: Haben es russische Firmen (v.a. die Erdgas-, Öl- und Minengesellschaften die 80% des russischen Börsenmarktes entsprechen) wirklich nötig, Geld über die Börsennotierungen im Westen zu sammeln?
Wenn Sie noch nicht Anteile von Gazprom gekauft haben, könnten Sie es vielleicht nicht mehr schaffen, ein Stück Russland in London zu kaufen. Marc Faber betrachtet, dass was am Ende der 1980er die Sowjetunion zerstört hat, nicht der Sieg des westlichen Kapitalismus war, sondern viel mehr der Verfall der globalen Ölpreise bis zu $10 pro Barrel. Nun steht Öl stark über $60, wenn nicht sogar $70, und „ es fehlt nur noch eine Schlagzeile, bevor Öl auf $100 steigt“, Meint John Kilduff, ein Analyst in New York für Man Financial.
Kein Wunder dass Präsident Putins Kriegslust viel mehr als Angeberei eines Mannes aussieht, der nicht verlieren kann... so lange Energie teuer bleibt. Zum heutigen Stand stehen die russischen Forex-Reserven am dritten Platz nach China und Japan, und Europa braucht die russische Energie viel mehr als Russland das europäische Geld braucht. So sieht es wenigstens für die vorhersehbare Zukunft aus. Und was Gesellschaften aus dem Westen betrifft, die direkt in russische Ressourcen investieren, der Shells Verlust ihres Sakhalin Projekts.... die ständigen Probleme der ausländischen Goldbergbauer mit den Lizenzen des Moskauer Umweltamts... und jetzt noch die Ausweisung des britischen Wirtschaftsvertreter... das alles könnte bedeuten, dass der Investitionsaufwand von Übersee ganz einfach nicht gewollt oder gebraucht wird.
Ausländische Investitionen in Dollar werden verachtet – und trotz dem wollen sie Britische Firmen! Werden sie jemals daraus lernen? „Letzten Monat, nach Monate langem Druck der russischen Behörden, wurde das zum 50% im BP Besitz befindende Joint Venture TNK-BP gezwungen, ihren Anteil in dem Gasfeld Kovykta an Gazprom, die von der [russischen] Regierung kontrollierten Erdgasgesellschaft, zu einem Schnäppchenpreis zu verkaufen“ schreibt Ed Crooks in The Financial Times. „Aber BP sieht immer noch ein grosses Potential in Russland und hofft, weitere gemeinsame Unternehmen mit Gazprom und anderen russischen Gesellschaften zu entwickeln.“
Letzte Woche hat BP einen Fall von 16% der Einnahmen zwischen April und Juni bekannt gemacht. Ihr grösster Konkurrent für die Gelder auf der britischen Börse, Shell Plc, hat vor wenigen Tagen gesagt, dass ihre Einnahmen in der gleichen Periode um 18% gewachsen sind. Kein Wunder, dass sich also BP mit jedem zufriedenstellen muss - und anscheinend zu jedem Preis im Sinne von Risiko –, um nachzuholen.
„Als Teil des Kovykta-Abkommen“, führt Crooks im Financial Times fort, „haben BP, TNK-BP und Gazprom vereinbart, ein globales Gemeinschaftsunternehmen zu starten, das mindestens $3 Milliarden Wert ist, das sowohl in Russland als auch anderswo Projekte entwickeln könnte. Tony Hayward, der neue Vorstandsvorsitzende bei BP, hat über das gesprochen, was er als Wachstum der Reziprozität bezeichnete, und das sei „die Entwicklung nicht nur von ausländische Investitionen in Russland sondern auch Investitionen von russischen Gesellschaften im Ausland.“
In anderen Worten sind russische Gesellschaften nicht nur bereit, zu Schnäppchenpreisen die Kontrolle über das sich in Russland befindende Kapital in den Händen von westlichen Firmen zu übernehmen, das von russischen Gerichten bestimmt wird. Sie sind auch bereit, ihre eigenen Gelder in die Entwicklung von Gemeinschaftsunternehmen von Projekten für Erdöl und Gas ausserhalb von Russland zu investieren. In anderen Worten könnte der Kauf von BP Plc. die ganze Welt den russischen Geschäftsgepflogenheiten unterstellen.
„Verhandlungen mit Russland könnten bedeuten, dass Gazprom Teile von den BP-Gelder auf der ganzen Welt erwirbt, inklusive Projekte für flüssiges Erdgas", schreibt Crooks, "welche eine der Entwicklungsambitionen der russischen Gesellschaft sind."
Sollten mehr russische Gesellschaften das Beispiel Gazproms folgen und auf der Börse in London notiert werden, könnten wenigstens die britischen Investoren hoffen, etwas von dem nationalen Rechtschutz abzubekommen. Aber warum sollte der nationalistische und rückfällige Kreml das unterstützen wollen? Wenn man sich das von russischen Bodenschätzen erzeugte Vermögen entgehen liesse, könnte das leicht von der von Putin unterstützten Naschi- Jugendorganisation als „Räuberkapitalismus - Teil 2“ betrachtet werden. Die profitabelste Aktion, und die politisch Nützlichste, wäre eigentlich neue Energiereserven in Besitz zu nehmen. Sagen wir mal den Polarkreis...
„Moskau hat ein U-Boot unter den Nordpool geschickt, das am Sonntag erwartet wird, Um die Titanfahne auf dem Seebad zu errichten“ schreibt die australianische Zeitung Herald Sun. „Die Mission ist Teil des Rennens nach Vermögensrechte in diesem Gebiet, das reich an Energiereserven ist.“
Und dann kommen noch die zwei Tu95 „Bear“ Langstreckenbomber, die es letzte Woche gewagt haben, sich dem britischen Luftraum zu nähern.... und die Suspendierung der Visa zwei britischer Bürger... und die Genehmigung an Gazprom seitens des Kremls, eine private Sicherheitsarmee aufzubauen... und die Kommentare in The Poeple’s China, die führende chinesische Tageszeitung, „Grossbritannien und China befänden sich in einer „kontrollierten“ Krise.“
Der Preis von Rohöl ist wieder gestiegen und hat einen 11-Monat-Hoch erreicht. Durchaus im Juli über $70 – das scheint für die britische Diplomatie schrecklich teuer zu werden... und für Investoren und Konsumenten um so mehr.
Aus dem Englischen übersetzt von Sonia Franchini.
ist Head of Research / Leiter der Forschungsabteilung bei BullionVault, der weltweit führenden Handelsplattform für physische Gold- und Silberbarren. Zuvor war er Redaktionsleiter bei Fleet Street Publications, Londons Top-Verlagshaus für Finanzpublikationen und zwischen 2003-2008 City-Korrespondent für das Daily Reckoning. Er ist regelmäßiger Autor für 321gold, FinancialSense, GoldSeek, Prudent Bear, SafeHaven und Whiskey & Gunpowder neben vielen anderen führenden Investmentportalen, zu denen er als Goldmarkt-Experte beiträgt. Darüber hinaus ist Adrian Ashs Meinung auch bei renomierten Medien und Nachrichtendiensten wie der Financial Times, The Economist, Bloomberg oder auch dem Stern gefragt.











